Jin, Jiyan, Azadî
An unsere Freund*innen in Europa!
Wir schreiben euch diesen Beitrag.
Wir leben im Iran.
Hier gibt es seit über 40 Jahren eine Regierung.
Diese Regierung ist sehr streng und macht das Leben der Menschen schwer.
Sie heißt Islamische Republik.
Sie regiert mit Religion, Gewalt und vielen Verboten.
Die Regierung sagt den Menschen, was sie tun und denken sollen.
Trotzdem gibt es seit langer Zeit Menschen, die sich dagegen wehren.
Das nennt man Widerstand.
Die Proteste im Iran sind groß.
Viele Menschen im Iran sind auf die Straße gegangen.
Sie rufen: „Jin, Jiyan, Azadî“.
Das bedeutet: Frau, Leben, Freiheit.
Diese Proteste sind nicht nur kurze Unruhe.
Viele Menschen sind schon lange unzufrieden.
Sie fühlen sich unterdrückt und hoffnungslos.
Jetzt kämpfen sie für ein besseres Leben.
Die Bewegung hat keinen Chef.
Keine Partei, keine Gruppe bestimmt alles.
Der Aufstand kommt vom Volk selbst.
Die Menschen im Iran stellen Fragen und glauben nicht mehr alles, was die Regierung sagt.
Was passiert in unserem Land?
Junge Menschen bauen Barrikaden auf den Straßen.
Sie wollen sich schützen.
Die Polizei ist oft mit Waffen da.
Sie will die Proteste beenden.
Student*innen an den Universitäten reden über Politik.
Sie wollen frei sprechen.
Arbeiter*innen legen die Arbeit in den Fabriken nieder.
Sie machen Streiks, obwohl sie Angst haben.
Familien haben jeden Tag Angst.
Viele haben Sorge, dass Verwandte verhaftet werden.
Menschen im Iran wurden getötet oder verletzt.
Viele kommen ins Gefängnis.
Manche wurden gefoltert.
Andere sollen hingerichtet werden.
Trotzdem geben die Menschen ihren Kampf nicht auf.
Es ist ein Aufstand von unten.
Die Bewegung im Iran ist besonders.
Sie hat keine zentrale Führung.
Menschen im Ausland suchen oft nach großen Anführern.
Aber im Iran ist das anders.
Viele Proteste passieren spontan – ohne lange Planung.
Menschen helfen sich gegenseitig.
Sie arbeiten in kleinen Gruppen zusammen.
Diese Zusammenarbeit ist gefährlich und schwierig.
Aber die Regierung kann so die Bewegung nicht einfach stoppen.
Menschen lernen, zusammen neue Dinge zu machen.
Es ist nicht immer einfach.
Aber die Menschen merken: Sie können sich selbst helfen.
Frauen stehen im Mittelpunkt.
Frauen sind sehr wichtig in dieser Bewegung.
Die Regierung im Iran will schon lange die Frauen kontrollieren.
Sie sagt, Frauen müssen Kopftücher tragen.
Das ist ein Zeichen der Macht der Regierung.
Wenn Frauen ihr Kopftuch abnehmen,
wenn sie auf die Straße gehen,
oder über Freiheit sprechen,
dann zeigen sie: Wir wollen selbst entscheiden!
Frauen helfen beim Organisieren der Proteste.
Sie unterstützen andere.
Sie bringen viele Gruppen zusammen.
Der Spruch „Frau, Leben, Freiheit“ ist für viele Menschen ein Traum.
Sie wollen Freiheit für alle – besonders für Frauen.
Viele Menschen kämpfen gemeinsam
Sehr verschiedene Menschen machen mit.
Es gibt Arbeitende, Studendierende, Lehrkräfte, Künstler*innen, Jugendliche und viele mehr.
In manchen Gegenden ist die Gewalt besonders schlimm.
Zum Beispiel in Kurdistan oder Belutschistan.
Gerade dort kämpfen viele tapfere Menschen.
Es gibt auch religiöse Minderheiten im Iran.
Zum Beispiel Bahai.
Sie werden schlecht behandelt.
Auch jüdische und andere Minderheiten erleben Ausgrenzung.
Aber viele wollen, dass im Iran alle gleich sind.
Niemand soll wegen Religion, Herkunft, Geschlecht oder Liebe schlechter behandelt werden.
Es gibt Streit in der Bewegung.
Die Menschen im Iran kämpfen nicht nur gegen die Regierung.
Manche Menschen, die im Ausland leben, wollen auch Macht.
Sie streiten oft miteinander.
Einige wollen, dass der König wieder kommt.
Andere sind sehr links und diskutieren viel.
Sie denken nicht immer an die Menschen vor Ort.
Sie streiten oft nur über Politik.
Doch es ist wichtig, zusammenzuhalten.
Niemand kann den Protest für sich alleine beanspruchen.
Alle Menschen, die gegen Unterdrückung kämpfen, sind wichtig.
Warum schreiben wir an euch?
Wir schreiben euch, weil wir wissen, dass ihr uns zuhört.
Wir glauben: Solidarität ist wichtig.
Das heißt, Menschen helfen einander.
Vor allem, wenn die Regierung die Bewegung einsperren will.
Ihr könnt uns unterstützen, indem ihr miteinander sprecht.
Helft politischen Gefangenen.
Kritisiert, wenn es Gewalt von der Regierung gibt.
Oder vernetzt euch mit anderen Menschen.
Wir wollen nicht, dass ihr für uns sprecht.
Wir wollen voneinander lernen.
Unser Kampf ist Teil vieler Kämpfe auf der Welt!
Der Protest im Iran ist Teil vieler Kämpfe.
Es geht um Gerechtigkeit und Freiheit.
Viele Menschen fragen sich: Wer hat Macht im Land?
Wer entscheidet über den Körper und das Leben?
Wie kämpfen wir gegen Ungerechtigkeit?
Wir finden gemeinsam Antworten.
Nicht nur im Iran.
Die Zukunft ist offen!
Niemand weiß, wann die Regierung aufhört.
Solche Umwälzungen sind nie einfach.
Mal gibt es Hoffnung, mal Rückschläge.
Aber eines ist sicher:
Viele Menschen im Iran haben gelernt, keine Angst mehr zu haben.
Sie haben erfahren: Sie sind nicht allein.
Diese Hoffnung bleibt.
Sie kann wieder Kraft geben für neuen Widerstand.
Am Ende:
Der Iran verändert sich.
Viele akzeptieren die Machthaber nicht mehr einfach so.
Mehr Menschen stellen Fragen.
Jetzt ist die Unterstützung von außen besonders wichtig.
Niemand kann den Kampf allein gewinnen.
Nur gemeinsam schaffen wir Freiheit.
Aus Teheran, Sanandaj, Zahedan und vielen anderen Orten kommt der Ruf:
Der Kampf für Freiheit geht weiter.
Und niemand soll dabei alleine sein.
An unsere anarchistischen und feministischen Genoss*innen in Europa. Über den sozialen Aufstand im Iran und die Notwendigkeit internationaler Solidarität.
Wir schreiben diesen Text aus einer Gesellschaft, die seit mehr als vier Jahrzehnten unter einem der repressivsten politischen Systeme unserer Zeit lebt. Die Islamische Republik ist nicht nur eine Regierung. Sie ist ein komplexes Geflecht aus religiöser Autorität, patriarchaler Kontrolle, politischer Gewalt und sozialer Unterdrückung, das tief in den Alltag der Menschen eingreift. Doch inmitten dieser Realität existiert auch etwas anderes: Eine lange Geschichte des Widerstands.
Die Proteste, die weltweit unter dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) bekannt wurden, sind nicht einfach eine Episode politischer Unruhe. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die über Jahre hinweg Erfahrungen von Unterdrückung, Enttäuschung und Hoffnung gesammelt hat - und die begonnen hat, diese Erfahrungen in einen offenen sozialen Aufstand zu verwandeln. Dieser Aufstand gehört keiner Partei, keiner Organisation und keinem politischen Führer. Er ist nicht das Projekt einer Ideologie. Er ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die gelernt hat, Autorität in Frage zu stellen.
Wir schreiben aus Städten, in denen Jugendliche Barrikaden errichten, während bewaffnete Sicherheitskräfte versuchen, jede Form von Protest zu ersticken. Wir schreiben aus Universitäten, in denen Studierende Räume politischer Diskussion verteidigen. Wir schreiben aus Fabriken, in denen Arbeiter*innen trotz massiver Repression Streiks organisieren. Wir schreiben aus Wohnungen, in denen Familien jeden Tag mit der Angst leben, dass ein Angehöriger verhaftet wird.
Zehntausende Menschen wurden in den letzten Jahren durch staatliche Gewalt getötet, verletzt oder zum Schweigen gebracht. Tausende sitzen in Gefängnissen. Viele wurden gefoltert, andere zum Tode verurteilt. Und dennoch ist der Widerstand nicht verschwunden.
Ein sozialer Aufstand - kein politisches Projekt von oben
Eine der wichtigsten Eigenschaften der aktuellen Revolte ist ihre Dezentralität. Viele Beobachter*innen im Ausland suchen nach klaren Führungsfiguren oder zentralen Organisationen. Doch die Realität der Proteste im Iran folgt anderen Dynamiken. Proteste entstehen oft spontan. Lokale Netzwerke koordinieren Aktionen. Menschen unterstützen einander durch informelle Strukturen der Solidarität. Diese Formen der Selbstorganisation sind oft fragil und riskant - aber sie ermöglichen auch eine Flexibilität, die autoritäre Staaten nur schwer kontrollieren können.
Für viele von uns ist genau diese horizontale Struktur eine der wichtigsten Stärken der Bewegung. Sie zeigt, dass gesellschaftlicher Widerstand nicht immer durch zentrale Führung organisiert werden muss. Menschen beginnen, neue Formen kollektiven Handelns zu erlernen. Diese Prozesse sind widersprüchlich und voller Unsicherheiten. Doch sie sind Teil einer gesellschaftlichen Erfahrung, die über den unmittelbaren politischen Konflikt hinausgeht.
Frauen im Zentrum der Revolte
Die zentrale Rolle von Frauen in diesem Aufstand ist kein Zufall. Seit ihrer Gründung hat die Islamische Republik versucht, den Körper von Frauen zu einem Symbol staatlicher Kontrolle zu machen. Der Zwangsschleier ist nicht nur eine Kleidervorschrift. Er ist Teil eines Systems, das darauf abzielt, den öffentlichen Raum, die Bewegungsfreiheit und die Selbstbestimmung von Frauen zu regulieren.
Wenn Frauen in den Straßen ihre Kopftücher ablegen, wenn sie sich Sicherheitskräften entgegenstellen oder öffentlich über Freiheit sprechen, greifen sie damit direkt die ideologische Grundlage des Staates an. Doch die Bedeutung ihrer Rolle geht weit über symbolische Gesten hinaus. Frauen sind aktiv an der Organisation von Protesten beteiligt, sie schaffen Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung und tragen wesentlich dazu bei, unterschiedliche soziale Kämpfe miteinander zu verbinden.
Der Ruf „Jin, Jiyan, Azadî“ ist deshalb für viele Menschen mehr als ein Slogan. Er ist Ausdruck einer Vision für eine Gesellschaft, in der Freiheit ohne die Befreiung von Frauen nicht denkbar ist.
Eine vielfältige Bewegung
Der Aufstand im Iran wird von Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründen getragen. Arbeiter*innen, Studierende, Lehrer*innen, Künstler*innen, Jugendliche, Aktivist*innen und viele andere beteiligen sich an den Protesten. Besonders in Regionen wie Kurdistan und Belutschistan war die staatliche Gewalt extrem brutal. Gleichzeitig sind gerade dort beeindruckende Formen des Widerstands entstanden, die auch andere Teile der Gesellschaft inspiriert haben.
Religiöse Minderheiten - insbesondere Bahai*innen - sind seit Jahrzehnten systematischer Diskriminierung ausgesetzt. Antisemitische Narrative spielen eine Rolle im offiziellen Diskurs des Staates. Auch andere Minderheiten erleben Ausgrenzung und Repression.
Doch gleichzeitig gibt es innerhalb der Protestbewegung viele Stimmen, die für eine Gesellschaft kämpfen, in der solche Formen von Hass keinen Platz haben. Eine freie Zukunft kann nur auf Gleichheit basieren - unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht oder sexueller Identität.
Spannungen innerhalb der Opposition
Neben der staatlichen Repression sieht sich die Bewegung auch mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Teile der politischen Opposition im Ausland sind in Machtkämpfe und ideologische Konflikte verstrickt. Monarchistische Gruppen träumen von einer Rückkehr alter Herrschaftsstrukturen. Einige linke Organisationen bleiben in sektiererischen Debatten gefangen. Diese Konflikte erzeugen oft ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Situation im Iran. Während Menschen auf den Straßen ihr Leben riskieren, konzentrieren sich manche dieser Akteur*innen auf symbolische Kämpfe um politische Repräsentation.
Das bedeutet nicht, dass politische Differenzen ignoriert werden sollten. Eine zukünftige Gesellschaft wird zwangsläufig von unterschiedlichen Visionen geprägt sein. Doch wenn diese Differenzen zu Spaltungen führen, die die gemeinsame Opposition gegen ein autoritäres Regime schwächen, entsteht ein ernstes Problem. Der Aufstand im Iran gehört allen, die gegen Unterdrückung kämpfen. Keine politische Strömung kann ihn für sich beanspruchen.
Warum wir euch schreiben
Wir wenden uns an euch - anarchistische und feministische Genoss*innen in Europa - weil wir wissen, dass viele von euch die Ereignisse im Iran aufmerksam verfolgen. Internationale Solidarität ist für uns keine abstrakte Idee. In Situationen, in denen autoritäre Regime versuchen, gesellschaftliche Bewegungen zu isolieren, kann internationale Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle spielen.
Solidarität kann viele Formen annehmen: Diskussionen in sozialen Bewegungen, Unterstützung politischer Gefangener, öffentliche Kritik an staatlicher Gewalt oder der Aufbau transnationaler Netzwerke. Wir erwarten nicht, dass andere Bewegungen für uns sprechen oder unsere Kämpfe definieren. Doch wir glauben, dass Befreiungsbewegungen immer voneinander lernen können.
Ein Kampf über Grenzen hinaus
Der Aufstand im Iran ist Teil einer globalen Auseinandersetzung mit Autoritarismus, Patriarchat und sozialer Ungleichheit. Viele Fragen, die heute in iranischen Straßen gestellt werden, existieren auch in anderen Teilen der Welt: Wer kontrolliert den öffentlichen Raum? Wer entscheidet über Körper und Leben? Wie können Menschen autoritäre Strukturen herausfordern?
Die Antworten auf diese Fragen entstehen nicht in einem einzelnen Land. Sie entwickeln sich in einem Netzwerk von Kämpfen, das nationale Grenzen überschreitet.
Eine offene Zukunft
Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie oder wann dieses politische System enden wird. Revolutionäre Prozesse verlaufen selten linear. Es wird Phasen von Hoffnung, Rückschlägen und neuen Anfängen geben.
Doch eines ist bereits geschehen: Eine ganze Generation hat erfahren, dass Angst überwunden werden kann. Menschen haben gesehen, dass sie nicht allein sind. Diese Erfahrung verschwindet nicht. Sie bleibt im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft. Und sie kann jederzeit wieder zum Ausgangspunkt neuer Kämpfe werden.
Zum Schluss
Die Gesellschaft im Iran verändert sich. Autorität wird nicht mehr als selbstverständlich akzeptiert. Immer mehr Menschen beginnen, bestehende Machtstrukturen offen in Frage zu stellen. In einer solchen Situation wird internationale Solidarität wichtiger denn je. Nicht weil eine Bewegung die andere retten könnte - sondern weil der Kampf gegen Unterdrückung immer ein gemeinsamer Prozess war.
Aus den Straßen von Teheran, Sanandaj, Zahedan und vielen anderen Städten hören wir weiterhin denselben Ruf: Der Kampf für Freiheit geht weiter. Und in diesem Kampf sollte niemand allein bleiben.