Be_hindertenkämpfe
Ich bin behindert.
Dieser Satz alleine löst in vielen Menschen Unbehagen aus, aber es ist so einfach: Ich bin behindert von einer Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Ich bin behindert, weil mir Fähigkeiten zu- oder abgeschrieben werden, weil mein Körper und mein Gesundheitszustand aus der Norm fällt. Wobei ich nicht sagen will, dass jeder behinderte Mensch automatisch krank ist - nur weil mein Körper nicht so funktioniert, wie es viele wollen, bin ich nicht krank - ich kann nur einfach nicht lange laufen.
Trotzdem gibt es so viele Stereotype über Behinderte: Wir können nichts, wir brauchen immer Hilfe und wir müssen vor allem geschützt werden. Dabei komme ich und viele andere Behinderte sehr gut alleine klar. Was wir vor allem brauchen ist wer, der uns zuhört und sieht, dass wir vollwertige Menschen sind. Wir werden ständig vergessen, Inklusion ist ein nettes Nebenprojekt, über das mal gesprochen werden muss - irgendwann, wenn halt Zeit dafür ist. Dabei sind wir in dieser scheiß Gesellschaft darauf angewiesen, dass wir mitgedacht werden, denn wir werden ständig stumm gemacht und Barrierearmut ist etwas, dass gerne hinten runter fällt. Wir sind darauf angewiesen, dass irgendwie irgendwer wen Behindertes kennt und deswegen mal an uns denkt.
Dabei sind wir eine der mit am stärksten unterdrückten Gruppen im Arbeitsleben! Wir finden kaum Jobs, niemand möchte „so ein Behindi“ bei sich haben. „Was sollen denn die Kund*innen denken? Und was können die schon? Sowas brauchen wir hier nicht! Wir brauchen Leistung, Leistung, Leistung!“ Und wenn wir Jobs bekommen, sind diese meist in Behindertenwerkstätten! Und das dort ist keine Arbeit, das ist Beschäftigungstherapie vom Feinsten. Wir dürfen Kerzendochte abschneiden oder Tee verpacken, also Sachen, die sonst keine*r machen will. Und das Beschissenste: Wir kriegen ganze 255 Euro pro Monat dafür! Was für ein Lohn! Davon gehen dann 1-2 Euro pro Tag noch für das Essen dort drauf - meistens matschige Nudeln mit irgendeiner lieblosen Soße.
Wehren können wir uns dagegen nicht: Wenn du einmal als zu behindert für den ersten Arbeitsmarkt giltst, kommst du da kaum wieder raus. Du sitzt in dieser ranzigen Institution fest, in der Behinderte nichtmal die Räume mitgestalten dürfen, geschweige denn im Vorstand sitzen! Und Arbeitskämpfe dürfen wir auch nicht betreiben, denn wir haben kein Streikrecht! Es gibt keine Gewerkschaften für Behinderte und keine Vereine, die Behindertenwerkstätten nur im Ansatz kritisieren! Das heißt, wir sind darauf angewiesen, dass Leute von außerhalb laut werden! Wir sind darauf angewiesen das Leute uns sehen und hören und nicht mehr so tun, als wäre das alles nicht ihr Problem - denn fun fact: Nur 3% der Behinderungen sind angeboren. Aber selbst wenn ihr niemals behindert werdet: Wir sind Menschen - behandelt uns verdammt nochmal wie welche.
Egal ob auf der Arbeit, in der breiten Gesellschaft oder privat, be_hinderte Menschen erfahren in allen Lebenslagen systematische Diskriminierung. Das wird auch sichtbar, wenn Politiker*innen fordern, Listen über Be_hinderte zu führen und diese zwangsmäßig in Pflegeheime unterzubringen. Solche Forderungen wecken Erinnerungen an die NS-Zeit: Damals wurden über 300.000 be_hinderte Menschen systematisch umgebracht, überwiegend in extra eingerichteten Pflegeheimen mit Gaskammern auf dem Gelände. Auch damals wurde das Leben von be_hinderten Menschen in „lebenswürdig“ und „lebensunwürdig“ unterschieden und mit dem Begriff „Euthanasie“ schön geredet. Diese Selektion besteht heute noch in der breiten Gesellschaft und in damals erfundenen Diagnosen teils in unserer heutigen Medizin. Aber das ist doch eine wunderbare weitere Möglichkeit Geld zu sparen, Herr Merz, oder?
Nachdem sie uns vor kurzem den Pflegegrad 1 genommen haben, stehen jetzt immer weitere Kürzungen für uns Be_hinderte an. Wir sind in den Augen der Herrschenden lästige Parasiten, die den Sozialstaat ausnutzen. Aber gerade solche Leistungen sind es, die uns Be_hinderten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen: In unserem eigenen Zuhause, autonom bestimmend, wen wir dort haben wollen. Denn Pflegeheime sind keine geschützten Räume! Über 90% der be_hinderten Frauen in Pflegeeinrichtungen berichten von erlebter Gewalt, über 80% dieser Gewalt ist sexualisiert. Immer wieder ermorden Pfleger*innen Heimbewohnende, während Medien berichten, sie seien damit „erlöst“ worden. Immer wieder werden wir umgebracht, weil andere darüber bestimmen, wie lebenswert unser Leben sei! Erst vor drei Tagen jährte sich der Mord an Martina W., Lucille H., Christian S. und Andreas K., welche auf grausame Art und Weise von einer Pflegekraft in ihrer Pflegeeinrichtung getötet wurden! Ableismus tötet - und hat System!
Deshalb geht mit uns auch am 5. Mai, am Protesttag für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, auf die Straße. Die Demo beginnt um 17 Uhr am Arrivati Park! Und im gleichen Zuge denkt mal darüber nach wie barrierearm eure Gruppen, Vorträge und Plena sind.
Für eine Welt, in der wir frei sind - auch wenn diese für able-bodied Menschen ungemütlicher wird.