Carework

Heute, am 1. Mai, erinnern wir an die Kämpfe der Arbeiter*innenbewegung, an Streiks, an Aufstände, an all jene, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung gestellt und teils dafür mit ihrem Leben bezahlt haben. Und während wir erleben, wie damals erkämpfte Rechte aktuell wieder stark unter Druck geraten und verteidigt werden müssen, sind wir darüber hinaus noch lange nicht am Ziel.

Denn die Ausbeutung der Arbeit war und ist noch immer eng verknüpft mit der Unterdrückung von Frauen, queeren und nicht-binären Menschen. Der Kapitalismus baut nicht nur auf der Aneignung von Lohnarbeit auf, sondern auch auf unsichtbarer, unbezahlter oder zumindest aber unterbezahlter Reproduktionsarbeit – Care-Arbeit, emotionale Arbeit, Hausarbeit, Pflege. Diese Arbeit wird systematisch entwertet, weil sie historisch Frauen zugeschrieben wurde. Noch heute leisten FLINTA* fast doppelt so viel Care-Arbeit wie cis Männer. Und ganz ehrlich? Es reicht. Wir haben keinen Bock mehr! Denn während antifeministische Bestrebungen auf dem Vormarsch sind, misogyne Politiker*innen patriarchale Gewalt instrumentalisieren, um rassistische Narrative zu befeuern, Gesetze uns keine Selbstbestimmung über unsere Körper erlauben, dürfen wir nebenbei auch noch die Mental Load für unsere Freunde, Mitstreiter und Genossen tragen.

Als Anarchist*innen wissen wir: Herrschaft hat viele Gesichter. Der Staat, Kapitalismus, das Patriarchat – sie sind keine getrennten Systeme, sondern greifen ineinander. Sie stabilisieren sich gegenseitig. Wer nur gegen das Kapital kämpft, ohne das Patriarchat zu hinterfragen, lässt zentrale Machtverhältnisse unangetastet. Wer Gleichberechtigung innerhalb bestehender Hierarchien fordert, ohne diese Hierarchien selbst zu zerstören, reproduziert Ungleichheit.

Wenn wir heute hier am 1. Mai gemeinsam auf der Straße sind, dann geht es um weit mehr als das bloße Erinnern und Verteidigen bereits erkämpfter Rechte, sondern auch um die Vision einer besseren Zukunft für uns alle. Während weltweit der Autoritarismus um sich greift, macht es Mut zu sehen, dass wir eben nicht alleine sind mit dem Frust und der Wut auf diese menschenfeindliche Verflechtung aus Patriarchat, Staaten und Kapitalismus.

Es reicht nicht, auf Reformen zu warten. Es wird Zeit, dass wir selbstorganisierte Strukturen aufbauen und stärken: Solidarische Netzwerke, Kollektive, Räume, in denen Fürsorge und Selbstbestimmung im Mittelpunkt stehen. Es geht darum, Macht abzubauen statt sie neu zu verteilen. Unsere Vision ist keine Welt, in der FLINTA* einfach die gleichen Positionen in bestehenden Machtstrukturen einnehmen. Unsere Vision ist eine Welt ohne diese Strukturen. Eine Welt ohne Zwang, ohne Ausbeutung, ohne patriarchale Gewalt. Eine Welt, in der Freiheit nicht das Privileg einiger weniger ist, sondern die Grundlage für alle.

Der 1. Mai erinnert uns daran, dass Veränderung nicht von oben kommt. Sie kommt von unten. Von Menschen, die sich organisieren, die sich weigern zu gehorchen, die füreinander einstehen und wahrhaftige Veränderung erkämpfen. Lasst uns diesen Tag nutzen, um Verbindungen zu stärken. Zwischen Arbeiter*innenkämpfen und feministischen Kämpfen. Zwischen lokalen Initiativen und globaler Solidarität. Denn unsere Kämpfe sind miteinander verwoben – und unsere Befreiung ist es auch. Solidarität ist unsere stärkste Waffe. Und eine andere Welt ist nicht nur möglich – sie beginnt genau hier, genau jetzt.