Jin, Jiyan, Azadî

Liebe Freund*innen, Genoss*innen,

heute stehen wir hier am 1. Mai - dem internationalen Kampftag der Arbeiter*innen. Ein Tag des Widerstands, der Solidarität, der Hoffnung. Und wir sprechen heute auch über Iran. Über ein Volk, das seit Jahrzehnten kämpft - gegen Unterdrückung, gegen Armut, gegen ein islamistisches Regime, dass auf Gewalt aufgebaut ist.

Die Welt hat den Aufstand gesehen. Die Bewegung - Frau, Leben, Freiheit - war kein kurzer Moment. Sie ist ein fortdauernder Kampf. Zehntausende Menschen wurden auf den Straßen getötet, während den Protesten. Zehntausende wurden verhaftet, gefoltert, eingeschüchtert, exekutiert. Und trotzdem: Die Menschen kehren immer wieder zurück auf die Straße. Immer wieder für fundamentale Menschenrechte, ihre Freiheit und Gleichberechtigung. Denn sie haben nichts mehr zu verlieren - aber alles zu gewinnen.

In den letzten Monaten haben sich die Proteste erneut ausgeweitet. Trotz brutalster Repression. Trotz permanenter Bedrohung. Doch die Antwort des islamistischen Regimes bleibt dieselbe: Gewalt. Angst. Entführung. Vergewaltigung. Tod. Staat und Religion als politisches Mittel der Herrschaft und Unterdrückung.

Heute erleben wir eine weitere Eskalation: Den Krieg. Einige sehen im Krieg eine Chance, das Regime zu schwächen oder zu stürzen. Aber Krieg bringt keine Befreiung. Krieg zerstört Leben. Krieg zerstört die Arbeiterklasse. Bereits jetzt haben Angriffe auf die Infrastruktur dazu geführt, dass Fabriken schließen mussten. Dass tausende Arbeiter*innen ihre Jobs verloren haben. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich dramatisch. Preise steigen, Löhne verlieren ihren Wert und immer mehr Menschen rutschen noch weiter in Armut, Ausbeutung und Existenznot. Die arbeitende Bevölkerung zahlt den Preis - nicht die Mächtigen.

Gleichzeitig wird die Gesellschaft systematisch isoliert. Das Internet ist seit fast sechzig Tagen weitgehend abgeschaltet. Und das ist nicht das erste Mal. Schon in der Vergangenheit hat das Regime in entscheidenden Momenten die Verbindung zur Außenwelt gekappt. Information wird kontrolliert und zensiert. Stimmen werden zum Schweigen gebracht. Isolation wird zur Strategie. Und während all das geschieht, arbeitet die Hinrichtungsmaschine weiter - unaufhaltsam gegen die eigene Bevölkerung, auch während die Bomben fallen.

Jeden Tag neue Verhaftungen. Neue Urteile. Jeden Tag neue Exekutionen. Das ist staatlich organisierter Mord. Das ist Terror gegen die eigene Bevölkerung. Und dennoch steht dieses System noch. Warum?

Auch, weil es von einer Opposition profitiert, die keine wirkliche Alternative darstellt. Es ist ein zynischer Witz der Geschichte, dass eine der bekanntesten Figuren dieser Opposition Reza Pahlavi ist - der Sohn eines ehemaligen Diktators. Die monarchistische Bewegung hat wiederholt versucht, die Kämpfe der Menschen im Iran zu vereinnahmen, sie umzudeuten, sie zu entpolitisieren, und sie in eine reaktionäre Richtung zu lenken. Aber wir sagen klar und deutlich: Die Zukunft Irans liegt nicht in der Vergangenheit. Nicht in der Rückkehr zur Monarchie und nicht in Kollaboration mit dem Mullah-Regime. Die Zukunft gehört den Menschen. Den Arbeiter*innen. Den Frauen. Den Unterdrückten. Eine Zukunft, die auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität basiert.

Heute, am 1. Mai, verbinden wir diese Kämpfe. Der Kampf der Arbeiter*innen im Iran ist Teil des globalen Klassenkampfes. Und deshalb richtet sich dieser Aufruf an euch: Seid nicht nur Zuschauer*innen. Seid Teil dieses Kampfes. Erhebt eure Stimmen gegen die Hinrichtungen. Organisiert euch. Setzt politischen Druck auf. Unterstützt die unabhängigen Bewegungen im Iran - sowie Aktivist*innen im Exil. Seid solidarisch mit den Geflüchteten. Nicht mit den reaktionären Kräften, die versuchen, die feministische Revolution zu kapern. Stellt euch gegen Krieg. Stellt euch gegen jedes System der Unterdrückung — gegen jedes System der Herrschaft über Menschen, ob religiös oder monarchistisch.

Unsere Kämpfe sind verbunden. Von Hamburg bis Teheran. Von den Straßen Europas bis zu den Straßen Irans. Und wir werden nicht schweigen. Und wir werden nicht aufgeben.

Bis Freiheit Realität wird.
Bis Gleichheit Realität wird.

Frau, Leben, Freiheit.
Jin, Jiyan, Azadî.