die plattform Hamburg

Liebe Genoss*innen, liebe Freund*innen, liebe Anarchist*innen,

auch dieses Jahr sind wir wieder hier zusammengekommen, um den Kämpfen der Arbeiter*innenklasse zu gedenken und uns zu fragen: Wie geht es weiter mit der anarchistischen Bewegung in Hamburg?

Einig sind wir uns wohl alle in unserer Haltung zu Staat und Kapital. Weg damit! Wir alle streben eine befreite Gesellschaft an, frei von Unterdrückung und Ausbeutung und in internationaler Solidarität. Aber wie erreichen wir das? Wie wird die Vision vom Anarchismus real?

Wir glauben, dass wir soziale Gegenmacht aufbauen müssen. Und unser Weg, um das zu erreichen, sind soziale Einmischungen. Was heißt das konkret? Wir müssen raus aus unserer Szene-Bubble und rein in die Klasse. Wir haben lange genug probiert, die Gesellschaft zu verändern, indem wir uns alle im selben AZ treffen, uns dort gegenseitig mit unseren Flyern und Stickern bespaßen und uns über unsere abweisende Haltung zu eben dieser Gesellschaft austauschen - damit wir dann beim nächsten Barabend wieder mit denselben Leuten zusammensitzen, wie immer. Auch nicht geholfen haben die ewig ausgetragenen Szene-Konflikte, die jegliche Bündnisse zerschießen und für Menschen von außerhalb weder verständlich noch anschlussfähig sind.

Diese Art der Selbstprofilierung und Szene-Optimierung schaden uns, wir müssen uns stattdessen mit unseren Ideen dorthin begeben, wo die alltäglichen Kämpfe ausgetragen werden. An den Arbeitsplatz, in den Betrieb, in die Nachbarschaft, an die Schulen und Universitäten. Gesellschaftliche Bewegungen und Kämpfe um Lohn, Mieten oder gegen Militarisierung sind die Keimzellen einer revolutionären Bewegung und unser Zugang zu einem Lernfeld, in dem wir überhaupt erproben können, was es bedeuten würde, in einer besseren, befreiten Gesellschaft zu sein. Deshalb sollten wir uns an ihnen beteiligen und das auf Dauer. Gemeinsam können wir in Bereichen des alltäglichen Lebens durch kollektive Organisierung und Konfrontation mit den Kapitalist*innen, den Eigentümer*innen, den Vermieter*innen und dem Staat konkret spürbare Verbesserungen der Lebensverhältnisse erkämpfen.

Die Ressourcen, die sich aktuell noch in den Händen der unteren Klassen befinden, müssen wir solidarisch nutzen und uns gegenseitig zu unterstützen, z.B. durch die Kollektivierung von Care-Arbeit oder die Einrichtung von Notfallfonds und Selbstschutz-Strukturen gegen patriarchale, faschistische oder staatliche Gewalt.

Dabei müssen wir immer auf der Hut sein, vor einem Reformismus, der die Konflikte zu entschärfen versucht oder an den Staat appelliert, der angeblich bloß zu träge ist. Unsere Probleme lassen sich nicht ohne einen revolutionären Bruch mit dem System lösen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir theoretische Grundlagen und Strategien. Theorie und Praxis gehören zusammen und das habt ihr auch schon oft genug gehört. Wenn wir uns in soziale Kämpfe einmischen, müssen wir die Ursachen sozialer Probleme auch verstehen. Die Theorie-Müdigkeit der anarchistischen Bewegung ist eine ihrer größten Schwächen und macht uns auf Dauer handlungsunfähig!

Und dabei lassen wir uns auch nicht auf Haupt- und Nebenwiderspruch-Bullshit ein. Es ist möglich, innerhalb der Kämpfe für die spezifischen Unterdrückungserfahrungen von BIPoC, Frauen und trans Menschen zu sensibilisieren. Es wäre ein Fehler zu denken, dass es unsere Kämpfe komplizierter machen würde. Denn wenn es eins gibt, das die Herrschenden schon immer gefürchtet haben, dann war es die Klassensolidarität, die diese Spaltungslinien aufhebt.

In diesem Sinne, liebe Genoss*innen, raus aus der Szene, rein in die Klasse! Wir treffen euch auf dem nächsten Plenum, auf der Straße und bitte auch in der Nachbarschaft und im Betrieb!

Es lebe die Anarchie!