Textsammlung zum 1. Mai 2026

Wir brauchen Kompliz*innen, keine Allies
Heutzutage benutzen viele Menschen das Wort „Allyship“.
Allyship bedeutet: Für andere Menschen da sein und sie unterstützen.
Aber viele Menschen sagen nur, dass sie Allies sind.
Sie zeigen das auf ihrer Kleidung oder sagen es auf Veranstaltungen.
Sie geben Geld für Workshops aus oder kaufen bunte Anstecker.
Manche sagen „Lieb doch wen du willst!“ beim Christopher Street Day.
Sie wollen, dass andere sie anerkennen.
Oft haben diese Allies eine schöne Vorstellung von den Menschen, denen sie helfen wollen.
Sie fühlen sich wie Held*innen.
Sie sehen diese Menschen aber nicht als Person, sondern eher wie Opfer, die sie retten wollen.
Manche Allies helfen, weil sie sich selbst schlecht fühlen.
Aber ihr Verhalten hilft nicht wirklich.
Sie machen die betroffenen Menschen von ihrer Hilfe abhängig.
Sie ändern nichts am großen Problem, sondern nur bei einzelnen Personen.
Sie suchen oft nur Themen, die alle toll finden, oder die gut in die Medien passen.
Sie wollen, dass andere denken, sie sind sehr gute Allies.
Manche tun das nur, weil es gut im Freundeskreis oder bei der Arbeit aussieht.
Für manche ist es nur ein Hobby.
Sie helfen nur, wenn es ihnen passt.
Wenn es zu schwer wird, gehen sie einfach wieder.
Menschen, die wirklich Probleme haben, brauchen so eine Unterstützung nicht.
Sie brauchen keine Menschen, die bestimmen, wann und wie sie helfen.
Sie brauchen Menschen, die mit ihnen reden.
Sie brauchen Menschen, die ihre Stimme nutzen, wenn Betroffene nicht gehört werden.
Es braucht Menschen, die auch wissen, was passiert, wenn sie keine Betroffenen kennen.
Es braucht Menschen, die von sich aus die Welt besser machen wollen.
Und zwar ohne dafür Anerkennung zu bekommen.
Wir brauchen keine Allies, wir brauchen Kompliz*innen.
Ich brauche niemanden, der nur sagt: „Du bist gut, so wie du bist.“
Und danach macht die Person weiter, wie immer.
Zum Beispiel schaut sie Harry Potter, obwohl das viele trans* Menschen verletzt.
Ich brauche Menschen, die mit mir zusammen kämpfen.
Wir machen gemeinsam etwas, damit die Welt sich ändert für alle, die ausgeschlossen werden.
Mittlerweile ist Allyship eine leere Worthülse geworden, die sich jede*r auf die Stirn schreibt. Es wird vermarktet wie eine eigene Währung: Du kannst Geld ausgeben, um themenbezogene Workshops zu besuchen, dir Pins zu den verschiedensten Themen an deinen Rucksack packen und „Lieb doch wen du willst!“ als cis hetero Person auf dem CSD rufen, um dir damit Anerkennung erwerben.
Allzu oft haben Allies romantisierte Vorstellungen von unterdrückten Menschen, denen sie „helfen“ wollen. Das sind die verbündeten „Retter*innen“, die Opfer und Token statt Menschen sehen. Sie wollen die Betroffenen der Unterdrückung meist aus eigenen Schuld- und Schamgefühlen retten. Sie schaffen immer wieder eine Abhängigkeit von ihnen und ihrer Unterstützung, indem sie nichts am System, sondern nur an individuellen Schicksalen ändern. Sie suchen sich die „attraktiven“/medienwirksamen Themen aus und versuchen, sich selbst als „Superally“ hinzustellen, um Anerkennug im Freund*innenkreis, aber auch Polit-Umfeld zu erlangen. Für viele ist es ein Hobby, eine „außerschulische Aktivität“, ein Pluspunkt im Lebenslauf. Allerdings auch immer wieder nur unter ihren eigenen Bedingungen. Es muss den Allies passen; zeitlich, kapazitär und thematisch. Wenn sie keinen Bock haben, sich mit der komplizierten und anstrengenden Lebensrealität auseinanderzusetzen, gehen sie halt einfach wieder.
Betroffene, die systematisch am Arsch sind, brauchen keine Bevormundung oder Menschen, die nur helfen, so lange es ihnen passt. Wir brauchen Menschen, die mit und nicht über uns reden, und uns ihre Stimme leihen, wenn wir wieder systematisch stumm gemacht werden. Wir brauchen Leute, die sich auch ganz ohne Betroffene im eigenen Umfeld darüber bewusst sind, was passiert. Es braucht Leute, die von alleine losziehen und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen - ganz ohne Vermarktung und Öffentlichkeit.
Wir brauchen keine Allies, wir brauchen Kompliz*innen. Ich brauche niemanden, der mir sagt, ich bin gut so wie ich bin als trans* Person, und dann weiter Harry Potter streamt. Ich brauche Leute, die mit mir losziehen und das scheiß Büro der Parteien anzünden, die mich und meine Existenz ausradieren wollen.