Textsammlung zum 1. Mai 2026

Erinnern wir uns an die Zukunft

Uns werden viele Geschichten erzählt.
Manche sagen: Es gibt heutzutage Fortschritt.
Manche sagen: Der Kapitalismus ist etwas Besseres.
Das Wort „Kapitalismus“ meint: Menschen wollen immer mehr Geld haben und Dinge besitzen.

Viele Menschen sagen auch:
Der Kapitalismus muss bleiben.
Das ist ganz normal.

Der Kapitalismus macht aber viele Probleme.
Man sagt auch: Es gibt eine weltweite Krise.
Faschist*innen und Nationalist*innen wollen diese Krise benutzen.
Sie wollen unsere Vergangenheit besonders darstellen.

Zum Beispiel:
Mussolini fand das alte Römische Reich sehr toll.
Die Nazis sagten: Die Germanen sind unsere glorreichen Vorfahren.
Sie träumten von einer Zeit, wo es immer Krieg gab und Menschen andere bestimmen konnten.
Diese Zeit war sehr streng und hatte viele Regeln.
Diese Menschen wollten, dass es keine Kritik gab.
Aber: So eine Zeit hat es nie gegeben.

Wir können auf die Vergangenheit schauen.
Lasst uns an eine andere Zukunft glauben.

Wir stellen uns eine Welt vor:
Es gibt keine Staaten.
Es gibt keinen Kapitalismus.
Es gibt keinen Kolonialismus.
Das Wort „Kolonialismus“ meint: Ein Land beherrscht andere Länder.
Es gibt keinen Rassismus.
Menschen werden nicht schlecht behandelt, nur weil sie verschieden sind.
Alle leben in einer gesunden Natur.
Streit wird ohne Gewalt gelöst.
Alle suchen zusammen nach Lösungen.

Solche Welten gibt und gab es wirklich.

Früher waren Menschen auch gegen Staaten.
Sie wollten keine festen Chefs oder Anführer.
Sie wussten: Feste Chefs sind oft nicht gut für alle.
Lange Zeit nicht konnten sich Staaten durchsetzen.
Menschen haben das oft verhindert.
Das können wir heute auch.

Es gibt ein schwieriges Wort: Kyriarchat.
Das ist eine Ordnung, in studierte Leute das Sagen haben und sich gegenseitig helfen.
Diese Ordnung ist selten und eine Ausnahme.
Die Gewalt, die wir heute erleben, heißt nicht, dass das System stark ist.
Es heißt:
Das System ist schwach und weiß nicht weiter.

Die Vergangenheit ist nicht nur ein Traum.
Wir können aus der Geschichte lernen.
Es gibt viele Möglichkeiten.
Manche mächtigen Menschen wollen nicht, dass wir diese Möglichkeiten sehen.
Sie verstecken sie.

Unsere Geschichte ist nicht nur alt.
Sie dauert immer noch an.
Lasst uns gemeinsam erinnern.
Wir wollen eine bessere Gegenwart.
Damit es auch in Zukunft gut wird.

Uns werden Geschichten erzählt. Geschichten von Fortschritt, von der Überlegenheit gegenwärtiger Zustände und des Kapitalismus. Davon, dass sein Fortbestehen nicht nur notwendig, sondern der Normalzustand sei. Die weltweite Krise, die er auslöst, wollen Faschist*innen und Nationalist*innen derweil nutzen, um ihre Vorstellung einer mythischen Vergangenheit zu etablieren. Wie Mussolini, der das Römische Reich verehrte, oder die Nazis, die in „Germanen“ ihre glorreichen Vorfahren erkennen wollten, träumen sie von der Rückkehr in eine Zeit, in der Leben permanenten Krieg und Dominanz über andere bedeutet. Eine Zeit ohne Widerspruch, eindeutig und rein. Doch diese Zeit gab es nie.

Blicken wir also hoffnungsvoll und radikal zurück auf das, was war. Lasst uns Welten sehen, in denen es keine Staaten gibt, keinen Kapitalismus, Kolonialismus oder Rassismus. Welten, in denen Menschen nicht dafür unterdrückt werden, wer sie sind, und wo sie in einer intakten Biosphäre leben können. Welten, in denen Konflikte nicht mit Gewalt ausgefochten, sondern gemeinschaftlich gelöst werden. Diese Welten gab und gibt es.

Menschen waren Staatsfeinde. Sie gaben sich politische Systeme, die statische Hierarchien vermieden, weil sie sich deren Schadhaftigkeit bewusst waren. Über Jahrtausende konnten sich Staaten nicht dauerhaft etablieren, weil sich Menschen dieser Idee widersetzten. Was ihnen gelang, kann auch uns gelingen.

Das, was als Kyriarchat bezeichnet wird – ein Zustand, in dem Hierarchien sich gegenseitig verstärkend ineinander greifen – bildet historisch gesehen die Ausnahme. Die Gewalt, die wir derzeit erfahren, ist kein Ausdruck von Stärke; es ist die Reaktion eines instabilen Systems, das kein anderes Mittel mehr kennt, um sich selbst zu erhalten.

Vergangenheit ist keine Projektionsfläche für Utopien, sondern eine Quelle, die uns Verbindungen und Möglichkeiten erkennen und sichtbar machen lässt, die uns Herrschende nicht sehen lassen wollen. Unsere Geschichte ist keine vergangene; unsere Geschichte ist eine werdende. Lasst sie uns gemeinsam erinnern, um eine Gegenwart zu bauen, die Zukunft haben wird.